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Durch Erinnerung den Anfängen wehren Empfehlung

  • geschrieben von  Dr. Hannes Androsch
An diesem Schreibtisch in der Kaiservilla in Bad Ischl unterzeichnete Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung an Serbien, in deren Folge der erste Welkrieg ausbrach. An diesem Schreibtisch in der Kaiservilla in Bad Ischl unterzeichnete Kaiser Franz Joseph die Kriegserklärung an Serbien, in deren Folge der erste Welkrieg ausbrach.

Im Gedenkjahr 2018 erinnern wir uns, unter anderem, an die Gründung der Ersten Republik 1918 und an den Anschluss an Hitlerdeutschland 1938, welcher der Anfang von noch nie da gewesenen Greueltaten war. Dr. Hannes Androsch hat seine Sicht von Ereignissen aus Vergangenheit und Gegenwart, als Mahnruf für die Zukunft, exklusiv für die Woadsåckleser, zusammengefasst.

Der (auch selbst-)kritische Blick in die Vergangenheit vermag uns so manches zu lehren, was zur Bewältigung künftiger Herausforderungen dienlich sein kann. „Geschichte“, meinte etwa der niederländische Historiker Johan Huizinga, „ist die geistige Form, in der sich eine Kultur über ihre Vergangenheit Rechenschaft gibt.“ 

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hat somit immer auch etwas mit „Verantwortung für das eigene Handeln“ zu tun, weshalb Gedenkjahre nicht nur der bloßen Erinnerung an zurückliegende wichtige Ereignisse dienen (sollen), sondern im Besonderen auch der kritischen Reflexion des Geschehenen. 

Der Todesstoß für die Monarchie

Wir besinnen uns dabei unserer Wurzeln – dies umso mehr, wenn die Ereignisse, denen gedacht wird, einschneidende Veränderungen sowie lang anhaltende Auswirkungen, oft bis in die Gegenwart, zur Folge hatten. In diesem Sinn sind historische Daten nicht bloß als isolierte Ereignisse zu betrachten, sondern immer als Endpunkte vorangegangener und Ausgangspunkte nachfolgender Prozesse. Das tragische Jahr 1938, in dem Österreich als Staat von Hitler-Deutschland beseitigt wurde, ist demnach nicht ohne die folgenschwere Unterschrift, die Kaiser Franz Joseph am 28. Juli 1914 in seiner Sommerresidenz in Bad Ischl unter die Kriegserklärung gegen Serbien setzte, verständlich. Diese Unterschrift löste nicht nur den Ersten Weltkrieg aus, sondern war zugleich – wenn auch unwissentlich – der Todesstoß für die Habsburger-Herrschaft vier Jahre später, am Ende des „Großen Krieges“ im November 1918. Und sie war selbst wiederum das Ergebnis einer Entwicklung, die im frühen 19. Jahrhundert mit den Napoleonischen Kriegen und dem damals aufkeimenden Nationalismus sowie dem gleichzeitigen Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ (1806) seinen Anfang nahm, und über das Revolutionsjahr 1848, das im selben Jahr entstandene Kommunistische Manifest Karl Marx‘ als Reaktion auf die immer drängendere „soziale Frage“ im Gefolge der Industrialisierung und über die zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen den Völkern der Doppelmonarchie führte. 

Die gleichzeitige Auflösung des durch den Wiener Kongress etablierten europäischen Gleichgewichts – Stichwort Pentarchie – als Folge des Krimkrieges und der nationalen Einigungsprozesse Italiens (nach der von Österreich verlorenen Schlacht von Solferino 1859) und Deutschlands (nach der von Österreich verlorenen Schlacht von Königgrätz 1866) drängte die Habsburger Monarchie – so die damalige Wahrnehmung – endgültig an den Rand Europas, mit der Konsequenz, dass Österreich-Ungarn sich verstärkt am Balkan engagierte und 1908 das dreißig Jahre zuvor besetzte Bosnien-Herzegowina annektierte, was bereits damals zu einer veritablen europäischen Krise führte. 

Das Ende des Ersten Weltkrieges

1918 war ein einschneidendes Jahr, jedoch keines, dem tatsächlich ein Frieden folgte, sondern nur ein Waffenstillstand bis zum Ausbruch des Infernos des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Die Jahre 1914-1945 bedeuteten für Europa somit einen zweiten „Dreißig-jährigen Krieg“, denn die Zwischenkriegsjahre waren Zeiten der Wirren und kriegsähnlicher Zustände – insbesondere in jener Vielzahl von autoritären Kleinstaaten, die nach dem Zerfall der Donaumonarchie, des zaristischen Russlands und des Osmanischen Reiches in Osteuropa und auf dem Balkan entstanden waren. Italien wiederum mündete rasch im Faschismus und Deutschland in die Naziherrschaft. Damals geschaffene „künstliche“ Staaten, wie etwa die Tschechoslowakei oder auch Jugoslawien, sollten sich in der Folge nach dem Ende des Kalten Krieges rasch wieder trennen; im Falle Jugoslawiens erneut auf blutige Weise.

Die Erste Republik

1918 entstand auch – und durchaus nicht auf eigenen Wunsch –  die Erste Republik als übriggebliebener „Rest“ des Habsburger Reiches. Es war ein Staat, den fast keiner wollte, an deren wirtschaftliche Lebensfähigkeit kaum jemand glaubte. Die Bevölkerung litt unter einem „Reduktionsschock“, unter Mangel und Inflation. Die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 tat das Ihrige, um die wirtschaftliche Not noch weiter zu verstärken. 

Der Anschluss

Politisch war das Land zerrissen, was 1933 in die Ausschaltung des Parlaments und die Errichtung der  austro-faschistischen Diktatur sowie 1934 in den Bürgerkrieg mündete. Dies ohnmächtige Land, im Inneren zutiefst gespalten und ohne Unterstützung von außen, brach schließlich am 12. März 1938 nach jahrelangem Druck von Seite des NS-Regimes zusammen. Und obwohl noch in den Tagen zuvor die Mehrheit der Österreicher sich zu ihrem Land bekannten, führte der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich zu einem breiten Stimmungsumschwung mit Euphorie und Massen-hysterie – Stichwort „Heldenplatz“ am 15. März 1938. Jene nicht unbedeutende Zahl an Österreichern aber, die den sog. „Anschluss“ ablehnten, blieben verzweifelt zu Hause – in Trauer, Angst und Schrecken – oder wurden, weil politisch oder „rassisch“ unerwünscht, inhaftiert und auch schon ermordet. 

Der zweite Weltkrieg

Schon bald folgte bei vielen die große Ernüchterung – allerdings: bei manchen bis heute nicht! Internationalen Widerspruch gegen den Anschluss gab es mit Ausnahme Mexikos nicht. Es folgte das Münchner Abkommen am 29. September 1938 und im März 1939 die Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei. Noch im selben Jahr, am 24. August, schlossen die beiden Massenmörder Hitler und Stalin ihren Pakt, an dessen Folgen man sich bis heute in Polen erinnert. Schon wenige Tage später begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Diesem folgte am 22. Juni 1941 mit dem Unternehmen „Barbarossa“ der Überfall auf die Sowjetunion. Der Blutzoll sollte insgesamt mehr als 50 Millionen Tote betragen, ehe der Schrecken am 8. Mai 1945 ein Ende fand. Umso überraschender war es, dass nach den Verheerungen des Zweiten Weltkrieges mit seinen unzähligen Opfern und massiven Zerstörungen schon bald goldene und vor allem friedliche Jahrzehnte folgten, die im Grunde bis heute andauern.

Geprägt waren diese mehr als 70 Jahre durch Marksteine wie das Jahr 1948 mit dem Beginn des Marshallplanes, das Jahr 1968 mit den Studenten-protesten und dem Prager Frühling sowie dessen gewaltsamen Ende durch den Panzerkommunismus im August desselben Jahres. Ein Jahrzehnt später, im Jahr 1978, übernahm dann Deng Xiaoping die Führung in China und markierte damit den Beginn des Wiederaufstieges Chinas. Und 2008 erschütterte schließlich die sich von den USA ausbreitende Finanz- und Wirtschaftskrise mit der zeitweiligen Gefahr einer ökonomischen Kernschmelze die Welt.

Die EWG

Am nachhaltigsten jedoch prägte die zunehmende Integration unser heutiges Europa, vor allem mit der 1958 in Kraft getretenen Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Atomgemeinschaft, denen wenige Jahre zuvor die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) vorangegangen war. Gemeinsam bildeten diese drei die Europäischen Gemeinschaften, aus denen sich letztlich die heutige Europäische Union entwickelte.

Globaler Mächtewettstreit

Gegenwärtig, im Jahr 2018, sind wir jedoch wieder mit einer brandgefährlichen Weltunordnung und einer Reihe ebenso gefährlicher Autokraten konfrontiert, während wir gleichzeitig vor den Herausforderungen des digitalen Zeitalters und den Aufgaben des Klimawandels stehen. Das heutige östliche Europa und der Balkan sind erneut bzw. noch immer explosive Zonen gefährlicher Unruheherde im globalen Mächtewettstreit, vor allem zwischen den USA, China und Russland. Noch mehr gilt dies aber für die lodernden Brandherde des Nahen Ostens und Afrikas. Die schutzsuchenden Flüchtlinge aus diesen Regionen sind sichtbarer Ausdruck dieser dramatischen Situation. 

Fahrt zur Hölle und zurück

Ähnlich gefährlich sind aber auch andere Weltgegenden, wie Nordkorea oder der Bereich des südchines--ischen Meeres. Wenngleich von vielen noch nicht wahrgenommen, droht uns möglicherweise erneut eine Fahrt zur Hölle und zurück. Gerade in dieser Situation bräuchten wir zu unserer eigenen Sicherheit ein geschlossenes starkes Europa, da kein europäischer Staat allein dazu in der Lage ist. Leider ist jedoch das Gegenteil der Fall. Den tatsächlich fällt Europa derzeit wieder zunehmend in lähmende Kleinstaaterei nationalistischer, demagogischer, fremdenfeindlicher und autoritärer Prägung zurück. Auch Österreich ist auf diesem Weg. 

Lurch der Vergangenheit

Es ist erschreckend, welch Lurch der Vergangenheit pikanter Weise gerade im Gedenkjahr 1938 zum Vorschein kommt. Er wird zudem von so manchem noch verstärkt, von anderen wiederum aus Machtinteresse verschwiegen, anstatt den Anfängen von Wiederholung zu wehren. Dieselben Kreise bilden auch Lakaien Putins und wollen Orban folgen. Sie wollen eine isolierte Wagenburg Österreich innerhalb einer Festung Europas.

Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschen- und Freiheitsrechte werden immer wieder missachtet. Damit werden wir die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik jedoch gewiss nicht zu sichern vermögen. Wenn wir verhindern wollen, dass Ähnliches wie in den 1930er Jahren in Europa wieder passiert, müssen wir uns bewusst sein, dass es wieder passieren könnte. 

Einmal mehr ist es daher notwendig, sich an Goethes Wort zu erinnern „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“ – und auch danach zu handeln. Dr. Hannes Androsch

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