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Wildensee- und Augstwiesenalm

Wildensee mit RinnerkogelWildensee mit RinnerkogelFoto: ©Bernhard Haim

Lasst mich auch diesmal wieder mit einem Gstanzl beginnen: „Wonns koa Olmhittn gab und koa Stoanas Wandl, wo hätt denn da Wüdschitz sei Interstandl“. Dieses G‘sangl hat sicher im großen Gebiet um den Wildensee seinen Ursprung, zumindest passt es kaum wo besser hin. Es gibt ja dort unzählige Geschichten, Episoden und Mythen, die sich auch um die Wilderei drehen – aber der Reihe nach.

Das heutige Wildensee-Gebiet gehörte im Mittelalter mit dem ganzen Ausseerland zum Herrschaftsgebiet der Burg Pflindsberg. Bemerkenswert ist, dass der Wildensee nach Urkunden des 13. Jhdts. zur Hälfte dem Stift Traunkirchen, zu einem Viertel der Herrschaft Wildenstein (bei Bad Ischl) und zu einem Viertel dem Stift Kremsmünster gehörte, das Fischrecht des Wildensees gehörte den „Gottshaus Forsten“ zu Traunkirchen. Im späten Mittelalter wurden die entlegenen Hochflächen des Toten Gebirges als „Freigebirg“ bezeichnet, ein Name, der „zum Jagen für jedermann freies Gebirge“ ausgelegt wurde. Das war allerdings nur Auslegungssache, die Jagd für jedermann wurde und blieb verwehrt. Die echten Wildbratler kümmerten sich wenig darum und blieben in den entlegensten Gebieten von der Obrigkeit einigermaßen unbehelligt. Flurnamen wie „Kalte“ und „Warme Herberg“ weisen noch heute auf beliebte Unter­schlupforte hin, womit wir wieder beim oben zitierten Gstanzl wären. Die Almhütten und Sennerinnen werden im heimatlichen Repertoire reichlich besungen und glorifiziert. Ist es tatsächlich bis heute so geblieben? - Sennerinnen gibt es allerdings heutzutage keine mehr.

In diesem Zusammenhang darf ich auf ein Denkmal hinweisen: „Tonis Kreuz“ steht auf einem Felsblock am Anstieg von der Rinnerhütte zum Weißhorn. Es erinnert an einen Raufhandel zwischen dem Forstwart Anton Loidl mit zwei Wilderern im Oktober 1866, bei dem der Toni durch einen unglücklichen Zufall durch eine Büchsenkugel ums Leben kam.

Außerdem, so erzählt mir Fred Schlacher, gibt es einige Höhlen, teils sogar mit mittelalterlichen Felsritzungen, die zwar schwer aufzufinden sind, aber in jüngster Zeit noch als Rastplätze Verwendung fanden. Dementsprechende Feuerstellen weisen darauf hin. Auch Franz Mandl vom Verein ANISA (Verein für Alpine Forschung) hat sich dieser Höhlen schon angenommen.

Fred Schlacher war der langjährige Hüttenwart der Wildenseer Alpenvereinshütte und nachmaliger Halter (1997 – 2011) auf der Wildenseealm. Sein Satz über die Weitläufigkeit des Weidegebiets blieb mir besonders in Erinnerung: „I kenn mi då obn hålbwegs aus, wer sågt er kennt si guat aus, der liagt!“ Bei dieser Gelegenheit danke ich dem Fred für seine Berichte. Es war spannend und manchmal auch berührend, als er von seinen Erlebnissen und Erfahrungen mit Mensch und Tier auf der Alm erzählte.

 

Der Almbetrieb auf der Wildenseealm.

Das gesamte Weidegebiet der Wildenseealm umfaßt eine Fläche von 498 ha (davon liegen 74 ha in Oberösterreich). Dazu kamen früher noch die Ochsenalmen Feigenthal, Hirschkahr, Himmelkahr und Rosskogl im Gesamtausmaß von 368 ha, ähnlich den Ochsenalmen im Gebiet der Vordernbachalm. Diese werden aber heute nicht mehr bestoßen.

Das größte Problem ist die unübersichtliche Weitläufigkeit, teilweise liegt die Almweide auch im Karstgebiet. Schlacher berichtet von vier Dolinenbergungen und drei Abstürzen in 50 Jahren. Der Almbetrieb ohne Halter ist undenkbar. Gegenwärtig teilen sich die Halteraufgaben Fritz Reisinger aus dem Mürztal und der Lehrer Stefan Dürnberger aus Salzburg, der mit Frau und Kleinkind rund einen Monat auf der Alm lebt. 

Almherr war 16 Sommer lang Bernhard Haim vlg. Preßl. Derzeit ist organisatorischer Almherr Hans Giegler, die Verwaltung erledigt Bernhard Haim, sie teilen sich also die Aufgaben. In den letzten Jahren waren konstant sieben Berechtigte mit 65 Stück Rindern aktiv (urkundlich wären es 22 Berechtigte mit 152 Rindern und 134 Schafen).

Der Almbetrieb funktioniert recht gut, auch wenn einige Berechtigte so verfahren, wie es ihnen gerade recht ist. Der Halter agiert sehr selbständig, „er denkt sich seinen Teil, und lässt die andern reden“, auch wenn ab und zu altes, pflindsbergisches Herrschaftsgehabe zutage tritt. Bei Gefahr in Verzug ist größtmöglicher Zusammenhalt auf jeden Fall gegeben.

 

Die Hütten auf der Wildenseealm

Aktuell werden elf Almhütten gezählt, dazu eine Halterhütte, die Alpenvereins-Selbstversorgerhütte und eine Bienenhütte des Imker­vereines Altaussee. 

Die Almhütten sind alle als „Hohe Hütten“ ausgestattet, d.h. der Lebensbereich der Almleute ist oberhalb des Vieheinstandes („Küahdåh“) eingerichtet. Es wird bei dieser Bauweise, im Gegensatz zu den „Niederen Hüten“, weniger Holz benötigt; es wird weniger Grund und Boden verbraucht und es bleibt mehr Raum für die Weidefläche; durch die Wärme­strahlung der eingestellten Rinder ist der Wohnraum wärmer. Ausschließlich „Niedere Hütten“ finden sich beispielsweise auf der Brunnwiesalm, bei diesen ist der Vieheinstand ebenerdig hinter dem Lebensraum. Die Halterhütte wurde 1938 über Veranlassung des NS-Regimes gebaut. Ihnen war die Versorgung der heimischen Bevölkerung ein Anliegen, die Almwirtschaft war ein wichtiger Bestandteil derselben. Diese Hütte diente nach dem Kriegsende im Mai 1945 dem stellvertretenden Gauleiter Ernst Kaltenbrunner als Versteck. Dort wurde er von einer Amerikanischen Abordnung unter einheimischer Führung festgenommen. Kaltenbrunner wurde im Nürnberger Prozess verurteilt.

Ein Detail am Rande: Die Liegenschaft vlg. Pressl hat ihr Weiderecht auf der Hochalm Wildensee und auf der Niederalm Schlaipfen (oberhalb der Schnecken­alm). Die Entfernung ist beträchtlich. Wie es zu dieser im Regulierungs­vergleich bestimmten Zuweisung kam, ist nicht nachvollziebar. Jedenfalls kann sich Bernhard Haim noch erinnern, dass in den 1980er Jahren im Herbst noch vom Wildensee auf die Schlaipfen überfahren wurde, nämlich auf folgendem Weg: Wildensee – Appelhaus – Almberg – Gaiswinkel – Gößl – Schneckenalm – Schlaipfen. Manchmal wurde es bei der Ankunft schon Nacht. Hin und wieder kam ein früher Schneefall und man musste nach wenigen Tagen von der Schlaipfen nach Hause, nach Obertressen. Ein beträchtlicher Aufwand.

 

Die Augstwiesenalm

Für den ortsunkundigen Teil der geneigten Leserschaft – wohl eher eine Minderheit – sei die Lage dieser Alm­region näher beschrieben. Der Hauptweg auf die Augstwiesen­alm Nr. 212 (auch als E 4 oder 01 bezeichnet) führt von der Altausseer Seewiesen über Oberwasser und Hochklapf in die Augstwiesen. Dort teilt sich der Weg: 212 führt weiter über „Füchsleins Not“ vorbei am Jagdhaus auf die benachbarte Wildenseealm und in weiterer Folge zum Wildensee und über Rinner (Rinnerhütte) hinab zum Offensee, während man rechts auf dem E 4/01 über das Almtred (Tred, Trett oder auch Tröd – ist der Platz wo die Almhütten stehen) weiter zum Appelhaus gelangt. Eine Variante bietet der Karl-Stöger-Steig, vom Loser zum Hochklopfsattel. 

Der Weg 212 ist auch der Viehtriebweg der Almbauern zur Augstwiesen- und Wildenseealm. Seit dem Kyrill-Sturm 2007 wurde der Fahrweg von den Stummern zur Oberwasser­alm ausgebaut, womit sich der Viehtriebweg auf die Almen wesentlich verkürzte.

 

Der Almbetrieb

Die Almfläche beträgt 325 ha. Interessant ist der Grenzverlauf zwischen den Almen. Im Norden bildet das Gatterl unterhalb des Jagdhauses Wildensee bei „Füchsleins Not“, urkundlich „Fixlersnoth“ genannt, die Grenze; im Osten die Gemeindegrenze zwischen Altaussee und Grundlsee bei der „Komasitzl­gruabn“. Wegen der Unübersichtlichkeit des Geländes ist man sich über die Lage der besagten Grenz-Grube nicht ganz einig, es fanden sogar schon Grenzbegehungen mit „amtlich Ortskundigen“ statt, aber nach einigen Vollmondnächten oder Nebeltagen war der vorherige, ungewisse Zustand wieder hergestellt. Dem Weidevieh ist es egal, solange sie Futter finden und Wanderer kennen ohnehin keine Grenzen. Hauptsache es finden keine Grenzgefechte zwischen den Gemeinden statt, diese liefern sich die Einheimischen im Tal an den Wirtshaustischen sowieso.Der Grenzverlauf zwischen den vier benachbarten Almen spielte laut Franz Bergler in den 1980er Jahren eine untergeordnete Rolle. Damals wurden auf den Almen Wildensee, Augstwiesen, Henar und Brunnwiesen rund 300 Rinder aufgetrieben, Matthias Neitsch betreute als Halter die Almen Brunnwiesen und Augstwiesen gemeinsam. Auch der Kaunzen Hans (vom Sattel) betreute 1995/96 für zwei bis drei Saisonen beide Almen gemeinsam. 

Ursprünglich waren auf der Augstwiesenalm 32 Liegenschafen mit 219 Rindern und 205 Schafen alm­berechtigt. Heute treiben noch zehn Almbauern 91 Rinder auf, 25 Hütten sind aktiv. Vor einigen Jahren wurde scherzhaft behauptet, es würde der Konsumverein in der Augstwiesen eine Filiale errichten, womit den Sommer über die Versorgung gesichert sei. Die letzte Almdirn, die noch Milchkühe hatte, war die „Scheutz’n Martha“ (Martha Moser) etwa 1992. Seit 2001 ist Erika Gamsjäger die besonnene Halterin. Damals ging sie in Pension und wurde Halterin auf der Augstwiesen. Das 20-jährige Jubiläum will sie noch erleben, das wäre 2021 – schaun ma amål. Natürlich nimmt sie an den traditionellen und jährlich stattfindenden Haltertreffen teil. Diese wurden 1987 auf Betreiben von Franz Bergler gegründet. Die ersten Teilnehmer waren: Rudi Grill vlg. Doneln vom Henasch, Thomas Gantioler von der Augstwiesen, Schönauer Heimo, er war „Schafler“ auf dem Loser (!) und Franz Bergler vom Wildensee.

Erika über den heurigen Almsommer im Rückblick: „Ich hab‘ im Frühjahr noch nie so viel Schnee gesehen, und beim Heimfahren war es noch nie so grün“. Heuer wurde erst am 6. Juli aufgetrieben, also zehn bis 14 Tage später als sonst, aber die 60 Tage Weidezeit konnten nach Absprache gut eingehalten werden. Die Wasserversorgung war trotz der trockenen Monate problemlos.

Der Almherr vlg. Waldhauser berichtet von einem guten Zusammenhalt innerhalb der Almgemeinschaft. Wenn er zu einem Einsatz ruft sind auch gleich reichlich Helfer dabei, auch diejenigen helfen mit, die nicht mehr auftreiben. Ihm scheint es wichtig, den Viehbestand zu erhalten, ohne Vieh wächst die Alm zu!  Mit den Touristen gibt es keine Probleme, im Gegenteil. Durch die zunehmenden, einschlägigen Medienberichte haben sie dazugelernt und verhalten sich durchwegs korrekt und vorsichtig – Sorgen machen ihm die bürokratischen Vorschriften, auch in Bezug auf die Natura 2000 Richtlinien. – Das haben wir vom „Henasch“ auch schon gehört. Jetzt geht es einmal in den Winter. Alles Gute für die Raunächte, Weihnachten und Neujahr. Fortsetzung „Unsere Almen“ folgt in der Woadsåck-Frühjahrsausgabe.  H.R.

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