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Nicht mehr per „du“ mit der Almkuh?

Der Landwirt als Sündenbock für mangelnde Eigenverant­wortung der Almbesucher - Alternative überall Zäune? Der Landwirt als Sündenbock für mangelnde Eigenverant­wortung der Almbesucher - Alternative überall Zäune?

Gedanken zur Kuh-Attacke in Tirol von steirischen Alminspektor Dipl.-Ing. Franz Bergler

Eingangs muss ich erwähnen, dass es natürlich traurig ist, dass eine Frau bei einem Almbesuch in Tirol mit ihrem Hund zu Tode kam. Das Urteil ist allgemein bekannt: Aufgrund einer zivilrechtlichen Schadenersatzklage wurde in erster Instanz der Tierhalter zu einer Strafe von 490.000 Euro verurteilt.

Was geschah? 

Eine Frau ist mit der Seilbahn auf die Alm gefahren und benutzte den öffentlichen Weg zu einem Ausflugs-gasthaus mit 220 Sitzplätzen. Sie hatte ihren Hund um die Hüfte angeleint und ging  an einer Mutterkuhherde vorbei. Diese Herde war durch zwei Hunde, die kurz vorher an der Herde vorbeigekommen sind, gereizt worden. Eine Kuh verfolgte die Frau samt Hund und es kam zur tödlichen Attacke. Der Hund blieb unverletzt, weil er sich losreißen konnte. Die Frau überlebte die Attacke nicht. Der Almbesitzer hat nach dieser Kuhattacke entlang des Weges einen Zaun errichtet, der vom Tourismusverband bezahlt wurde.  

Hilfe von der Politik?

Bundeskanzler Kurz machte diese Kuhattacke zur Chefsache und versprach eine Änderung der Haftungsfrage, die mit der Neuformulierung des § 1320 (Tierhalter-haftung) des ABGB`s erfolgen soll. Damit soll die Haftung des Tierhalters neu geregelt werden. Gleichzeitig soll das Restrisiko von einer Versicherung, die das Land Steiermark („Freizeitpolizze“) bezahlt, den Auftreiber schützen. 

Was auf den ersten Blick vielleicht  als Vereinfachung aussieht, wird sich aber sehr schnell zu einer amerikanischen Vollkasko-Mentalität entwickeln. Das könnte natürlichen einen Boom an Klagen auslösen, da der Besucher der Alm annimmt, dass ein eventueller Schaden ohnehin von der Versicherung bezahlt wird. Als weitere Maßnahme soll es eine intensive Aufklärung für die Almnutzer geben, die überwiegend vom Tourismus bezahlt wird (der sogenannte Verhaltenskodex). Auch der Almbewirtschafter soll eine „Aufklärung“ (einen Ratgeber für Alm- und Weidewirtschaft) erhalten.

Schließung der Almen für Wanderer?

Die Verunsicherung unter den heimischen Almbauern ist verständlicherweise groß. Einige sagen, sie wollen in Anbetracht dieser horrenden Schadensforderungen die Tiere nicht mehr auf die Alm auftreiben. Andere sprechen von einer Schließung der Alm für Wanderer. Beide Aktionen schaden dem Almbauern. Ein Nichtauftrieb auf die Alm bedeutet für den Betrieb einen wirtschaftlichen Nachteil, da durch einen Almauftrieb doch ein Drittel mehr an Heim-Vieh gehalten werden kann. 

Die Schließung einer Alm ist nur für Eigentums-almen denkbar. Im Steirischen Salzkammergut gibt es mit einer Ausnahme nur Einforstungs-almen, die im Volksmund als „Servituts-almen“ bekannt sind. Der Bauer hat das Weiderecht und ist nicht Besitzer dieser Almen. Eine Schließung der Almen wäre für alle Beteiligte keine gute Lösung. Auf der einen Seite streben wir eine Einkommens-kombination durch den Verkauf von Almprodukten an und auf der anderen Seite erhöht sich der Freizeitanspruch der Nutzer der Bergregionen ziemlich stark. Daher ist ein Miteinander unter bestimmten Verhaltensregeln wichtig.  

Haftungswahnsinn oder Eigenverantwortung? 

Natürlich muss der derzeitige alleinige Haftungswahnsinn, wie oben beschrieben, gemindert werden. Die heutige Alles-Nimm-Gesellschaft muss selbstverständlich auch eine verbindliche Eigenverantwortung übernehmen, die aber gesetzlich nicht regelbar ist. Haftung ist immer eine Frage des Verschuldens und diese ist zu klären. Diese Angelegenheit ist vielmehr ein gesellschaftspolitisches Phänomen. Egal was passiert, es muss immer ein anderer die Schuld tragen. Das Wort Eigenverantwortung ist aus unserer Gesellschaft weitgehend verschwunden.

Zäune gegen Ignoranz?

Eine Einzäunung aller Wanderwege ist auf unseren Almen undurchführbar. Niemand will mehr Zäune als erforderlich. Die derzeitige Einzäunung von Almvieh sowie Abhalte-Zäune vor Gefahren erfordern ohnehin schon einen großen Aufwand. Eine Aus-Zäunung der Touristen auf Kosten der Almbewirtschafter ist aus fachlicher Sicht unmöglich, da der Zugang zu Wasser, zu den Ruhezonen und auch der freie Weidegang auf den Almen gesichert werden muss. 

Die Ignoranz mancher  Almbesucher kann durch einen Zaun nicht gemindert werden. Das Landschaftsbild, das ja von den „Grünen“ so geliebt wird, würde damit vollkommen zerstört. Niemand will ein „Zaunwirrwarr“ auf der Alm! 

Nachdem in der Steiermark von den zuständigen Landespolitikern, den Landesräten Barbara Eibinger-Miedl (Tourismus) und Johann Seitinger (Landwirtschaft) die fachliche und rechtliche Unterstützung für die Almbewirtschafter noch vor dem Almauftrieb zugesagt wurde, kann davon ausgegangen werden, dass auch heuer wieder das Almvieh auf unsere heimischen Almen aufgetrieben wird und trotzdem mit Erholungssuchenden und Wanderern in Einklang stehen kann.

Almispektor 
Dipl.-Ing. Franz Bergler

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